Ástor Piazzolla

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Ástor Pantaleón Piazzolla, 1921 in Argentinien geboren, ist aufgrund der schlechten Wirtschaftslage bereits im frühen Kindesalter mit seinen Eltern nach Amerika – New York übergesiedelt. Sein Vater, als Tangoliebhaber, wollte, dass Piazzolla Bandoneon spielt. Ihn reizte jedoch mehr der Jazz und die zeitgenössische Musik Schönbergs, Ravels, Hindemiths, Strawinskys und Bartóks. Erst ein eindrückliches und neuartiges Tangokonzert mit Elvino Vardaros Tango-Ensemble und im Wesentlichen seine Kompositionslehrerin Nadia Boulanger weckten sein Interesse für den Tango.

Der Tango galt damals als „Musik aus der Gosse“. Und Piazzolla wagte nun nicht nur, diese Musik zu schreiben, sondern auch noch die als unveränderbar geltenden Gesetze des Tangos zu brechen, zu dekonstruieren und weiterzuentwickeln, um etwas Neues zu schaffen – den Tango Nuevo.

Einen „konzertanten“ – nicht unbedingt tanzbaren Tango. Einen Tango zum Zuhören, einen musikalisch komplexen und anspruchsvollen Tango. Einen Tango, der nicht nur Tradition ist, sondern mit dem Puls der Zeit geht.

Ástor Piazzolla wurde lange von der Musikwissenschaft ignoriert. Auch in der Klassikbranche gelangte er erst in den 90er Jahren hauptsächlich durch den Geiger Gidon Kremer, dem Cellisten Yo Yo Ma und dem Dirigenten Daniel Barenboim zu Anerkennung.

Die harten Kritiken und die Ablehnung zu seiner Zeit sind zunehmend Geschichte geworden.

Sein 90. Geburtstag soll uns ein Anlass sein, um seine Musik erneut aufleben zu lassen.

Neue Musik – Neue Spieltechniken – Neuer Tango

In Piazzollas neuer Tangomusik fließen Anteile aus verschiedenen Musikgenren zusammen. Es entstehen dadurch spannende Vermischungen von argentinischer Folklore, europäischer Kunstmusik mit Elementen aus der zeitgenössischen Musik und des Jazz. Zudem finden auch kompositorische Techniken aus der Klassik wie Fugenformen und Kontrapunkte in seiner Musik Verwendung. Die oftmals als „schneidend“ empfundenen Dissonanzen erhalten eine besondere und wichtige Bedeutung. Sie führen nun nicht nur zur Dissonanzauflösung, sondern werden auch ungewöhnlicherweise in Melodieverläufen eingebaut, sodass diese ihren „Piazzolla-typischen“ Klang hervorheben. Auch werden stattdessen Rubati aus dem traditionellen Tango gegen deutliche Brüche umgetauscht und demnach der so genannte „Corte“ (charakteristisches Innehalten des Paares zwischen der Schrittfolge) betont.

Außerdem gibt es eine Vielzahl an synkopischen Rhythmen, abgehackte Staccati, messerscharfe Betonungen, typische harmonische Wendungen und als Gegensatz dazu sehr oft wehmütige Solipassagen. Ebenso sind Elemente aus der Elektronischen Musik integriert. Des Weiteren gibt es einen hohen Anteil an Improvisationen in Piazzollas Musik. So können wir bekannte Stücke stets in unterschiedlichen Besetzungen und unterschiedlichen Interpretationen erleben. Wie auch Piazzolla selbst seine Aufführungen selten gleich präsentiert.

Neben den kompositorischen Erneuerungen hat Piazzolla auch neue Spieltechniken eingeführt. Bei den Streichinstrumenten sind geräuschähnliche Klänge wie stechende Akzente in hoher Lage, Bogenschläge oder das typische „Knarzen“ auf den Saiten hinter dem Steg erlaubt und erwünscht. Virtuose Bandoneonläufe oder ein Glissandi vom gesamten Ensemble sind weitere Beispiele für ein bis zu seiner Zeit noch unbekanntes Hörerlebnis.